Seit 2022 prägt Dr. Dorothea Winter die Humanistische Hochschule Berlin. Als Philosophin, Forscherin und Koordinatorin des Masterstudiengangs Angewandte Ethik (M.A.) gestaltete sie maßgeblich den Aufbau eines Studiengangs, der ethische Orientierung für die Herausforderungen einer komplexen Gegenwart vermittelt und das Profil der Hochschule entscheidend mitgeprägt hat. Nun führt ihr Weg an die Universität Osnabrück. Im Interview spricht sie über inspirierende Diskussionen, den besonderen Charakter der Humanistischen Hochschule Berlin und ihren Wunsch, dass Humanismus auch künftig Orientierung in Zeiten technologischer und gesellschaftlicher Umbrüche bietet.
Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Ihre Zeit an der Humanistischen Hochschule Berlin zurückdenken?
— DR. DOROTHEA WINTER: Die Diskussionen in den Blockseminaren. Ich denke an Menschen, die oft mitten im Berufsleben stehen und trotzdem an einem Donnerstagvormittag um 9:15 Uhr mit einer Ernsthaftigkeit über Autonomie, Algorithmen und Menschenwürde streiten, wie ich sie an großen Universitäten selten erlebt habe. Dass Studierende ihre Berufserfahrung aus Kliniken, Behörden oder Unternehmen in den Seminarraum mitbringen und die Philosophie daran prüfen, hat meine eigene Arbeit wirklich sehr bereichert.
Welches Projekt, welcher Erfolg oder welche Erfahrung an der Humanistischen Hochschule Berlin bleibt Ihren besonders in Erinnerung?
— DR. DOROTHEA WINTER: Der Master Angewandte Ethik selbst. Einen jungen Studiengang von der Semesterplanung über die Prüfungsordnung bis zur Betreuung der ersten Masterarbeiten mitzugestalten, die inzwischen von der Willensfreiheit bis zur Spendenethik reichen, war die prägendste Erfahrung dieser Jahre. Im Oktober startet bereits die vierte Kohorte. Eines, der coolsten Projekte, das allerdings aktuell noch läuft, ist das Forschungsprojekt, das ich zusammen mit Steffen Kohl durchführe, wo wir gemeinsam mit den Studierenden einen Roboter bauen und programmieren und dabei über digitale Kommunikation nachdenken, das ist für mich Forschendes Lernen in Reinform!
Was werden Sie am meisten vermissen?
— DR. DOROTHEA WINTER: Die kurzen Wege und die Vielseitigkeit: An einer kleinen Hochschule ist man an allem beteiligt, von diversen Gremien über Berufungsverfahren bis zur Akkreditierung und lernt dadurch in wenigen Jahren, wie eine Hochschule tatsächlich funktioniert. Und natürlich meine Rolle als persönliche Referentin des Rektors, Julian Nida-Rümelin. Diese hat mir einen Blick auf Wissenschaftspolitik und Hochschulsteuerung eröffnet, den man als Postdoc sonst kaum bekommt. Und, ganz wichtig, ich werde vor allem vermissen, dass der Humanismus hier kein Etikett im Namen bleibt, sondern sich in den Studiengängen und vor allem bei den Kollegin:innen als gemeinsame Haltung zeigt.
Was erwartet Sie als Nächstes und worauf freuen Sie sich besonders?
— DR. DOROTHEA WINTER: Ab Oktober vertrete ich für ein Jahr die Professur „Ethik der Künstlichen Intelligenz” an der Universität Osnabrück von Rainer Mühlhoff. Ich freue mich sehr auf die Lehrveranstaltungen und den Austausch mit den Studierenden in der Kognitionswissenschaft, aber natürlich auch mit der Forschungsgruppe und den neuen Kolleg:innen, weil da meine Schwerpunkte wirklich sehr anschlussfähig sind.
Welchen Rat oder Wunsch möchten Sie der Humanistischen Hochschule Berlin mit auf den Weg geben?
— DR. DOROTHEA WINTER: Beim Thema KI weiterhin zuerst zu fragen, wem eine Technik dient, und erst danach, wie man sie einsetzt. Diese Reihenfolge hält die Humanistische Hochschule Berlin von vielen anderen Institutionen unterscheidbar. Mein Wunsch ist, dass sie ihre Nähe behält, auch wenn sie wächst, und dass Studierende hier weiterhin als Gesprächspartner:innen ernst genommen werden und nicht als Fallzahlen.
Stellen Sie sich vor, Sie kommen in fünf Jahren als Gast an die Hochschule zurück: Was würden Sie sich wünschen, was sich verändert hat, und was sollte unbedingt gleich geblieben sein?
— DR. DOROTHEA WINTER: Ich hoffe, dass ich nicht erst in fünf Jahren zurückkommen werde, aber ich freue mich, das weitere Wachsen, von der Seitenlinie begleiten zu können und dass die Humanistische Hochschule Berlin weiterhin an Themen dranbleibt, wo es eine humanistische Positionierung dringend benötigt, sei es wegen des politischen Rechtsrucks, sei es wegen der globalen Entwicklungen, sei es wegen der technologischen Veränderungen.