Die Frage nach einer modernen, pluralistischen Militärseelsorge gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Obwohl die Bundeswehr seit Jahrzehnten seelsorgerische Strukturen für evangelische, katholische, jüdische und künftig muslimische Soldat:innen etabliert hat, fehlt bis heute ein gleichwertiges Angebot für jene, die keiner Religion angehören. Dabei ist gerade diese Gruppe längst keine Minderheit mehr – weder in der Zivilgesellschaft noch in den Streitkräften.
In einem kürzlich ausgestrahlten Interview des Deutschlandfunks betonte Sven Thale, Prorektor Weltanschauung an der Humanistischen Hochschule Berlin & Bundesbeauftragter des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD) für Seelsorge in Institutionen, die Dringlichkeit eines humanistischen Angebots: Rund die Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen ist konfessionsfrei – und in der Bundeswehr ist der Anteil vergleichbar hoch. Dennoch existiert bislang keine weltanschaulich neutrale Form der Seelsorge, die die Lebenswelt dieser Soldat:innen abbildet.
🎧 Hier das Interview mit Sven Thale anhören: Zum Radiobeitrag beim Deutschlandfunk
Seelsorge ist wichtig – aber nicht für alle religiös geprägt
Dass Seelsorge in der Bundeswehr einen hohen Stellenwert hat, zeigen aktuelle Zahlen einer von der evangelischen Militärseelsorge in Auftrag gegebenen Studie deutlich:
- 91 % der Soldat*innen halten Militärseelsorge für wichtig.
- Im Auslandseinsatz steigt der Wert sogar auf 95 %.
Diese hohe Akzeptanz zeigt zweierlei: Erstens, dass psychosoziale Begleitung und vertrauliche Gespräche in belastenden Situationen unverzichtbar sind. Zweitens aber auch, dass derzeitige Strukturen eine Lücke haben: Sie bieten Hilfe an, die – bewusst oder unbewusst – eine religiöse Perspektive mittransportiert, selbst wenn die meisten Ratsuchenden nicht religiös sind.
Eine humanistische Militärseelsorge würde hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Ihre Besonderheit ist es, ohne religiöse Bindung zu arbeiten. Die humanistische Seelsorge geht klar davon aus, dass Sinn und Verantwortung sowie moralische Orientierung rein aus dem menschlichen Zusammenleben, sprich aus Mitgefühl und Vernunft erwachsen. Sie verbindet die bewährten Elemente seelsorgerischer Arbeit – Zuhören, Vertraulichkeit, Orientierung in schwierigen Situationen – mit einem weltanschaulich offenen, menschenzentrierten Ansatz.
Was bedeutet humanistische Seelsorge?
Humanistische Seelsorge beruht auf einigen klaren Grundideen:
- Der Mensch steht im Zentrum: Nicht der Glaube, nicht das Transzendente, sondern der Mensch mit seinen Erfahrungen, Sorgen und Bedürfnissen.
- Sinn und Moral entstehen aus menschlichem Zusammenleben: Humanistische Seelsorge arbeitet ohne religiösen Bezug. Stattdessen bilden Vernunft, Mitmenschlichkeit, Verantwortung und gegenseitige Rücksichtnahme die Grundlage.
- Vertrauliche Unterstützung ohne religiösen Rahmen: Auch konfessionsfreie Soldat:innen erhalten einen geschützten Raum.
- Weltanschauliche Passgenauigkeit: Für konfessionsfreie Menschen ist ein:e Gesprächspartner:in, der/die ihre Grundannahmen teilt, oft entscheidend dafür, ob ein seelsorgerisches Angebot als hilfreich oder als fremd empfunden wird. Gerade in moralisch belastenden Situationen – Auslandseinsätze, Krisen, persönliche Konflikte – kann eine weltlich orientierte Seelsorge eine lebensnahe Form der Unterstützung bieten.
Ein Blick nach Europa: Deutschland hinkt hinterher
In vielen europäischen Ländern ist humanistische Militärseelsorge längst etabliert:
- Niederlande: seit den 1960er Jahren
- Belgien: fester Bestandteil der Militärstruktur
- Norwegen und Großbritannien: in den letzten Jahren erfolgreich eingeführt
Überall zeigt sich das gleiche Muster: Sobald das Angebot existiert, wird es genutzt – stabil, selbstverständlich und mit hoher Akzeptanz.
Es geht also nicht darum, religiöse Seelsorge zu ersetzen, sondern das Spektrum so zu erweitern, dass es die gesellschaftliche Realität widerspiegelt.
Warum eine humanistische Seelsorge gerade jetzt wichtig ist
Die Bundeswehr steht vor großen Herausforderungen:
Materialknappheit, internationale Spannungen, sicherheitspolitische Neuausrichtungen – und nicht zuletzt eine schwierige Personalgewinnung.
Eine humanistische Militärseelsorge wäre in diesem Kontext mehr als nur ein Serviceangebot. Sie wäre ein gesellschaftliches Signal:
- Wir nehmen weltanschauliche Vielfalt ernst.
- Wir sehen die Lebensrealität junger Menschen.
- Wir schaffen Strukturen, die moderne Werte berücksichtigen.
Viele Soldat:innen würden sich erstmals repräsentiert fühlen – als Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne sich auf religiöse Traditionen zu stützen.
Als junge Hochschule mit humanistischem Profil sehen wir die Diskussion um Militärseelsorge als Beispiel für eine größere gesellschaftliche Entwicklung. Humanistische Militärseelsorge ist ein notwendiger Schritt in einer modernen, säkularen Demokratie. Sie schafft Wahlfreiheit, stärkt Integration, entspricht gesellschaftlichen Realitäten und bietet auch konfessionsfreien Soldat:innen die Unterstützung, die sie brauchen – in einer Sprache, die zu ihrer Lebenswelt passt.
Die Humanistische Hochschule Berlin setzt sich dafür ein, dass weltanschauliche Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern institutionell verankert wird – in Bildung, Sozialarbeit, öffentlichen Institutionen und eben auch im Militärwesen.
🎧 Jetzt reinhören und mehr zur humanistischen Militärseelsorge erfahren: Zum Radiobeitrag beim Deutschlandfunk
Wir danken dem Deutschlandfunk und Christian Röther herzlich für das Interesse, das Gespräch und den gelungenen Beitrag!