Fortbildung
Wie können philosophische Gespräche den Unterricht bereichern? Die berufsbegleitende Fortbildung „Philosophieren in der Grundschule“ vermittelt Lehrkräften in sechs Modulen praxisnah Methoden und Grundlagen, um das Philosophieren nachhaltig in den Schulalltag zu integrieren. Ergänzt wird die Fortbildung durch eine Hospitation im Projekt Berliner Denkspielplätze.
Die Fortbildung findet vom 9. Oktober 2026 bis zum 28. Mai 2027 an der Humanistischen Hochschule Berlin statt. Die Seminare werden jeweils freitags von 15 bis 19 Uhr durchgeführt; die Hospitation (9 bis 13 Uhr) wird individuell abgestimmt. Veranstalter ist der Verein Was denkst du? Kinder und Jugendliche philosophieren e. V., unterstützt von der Humanistischen Hochschule Berlin. Der Teilnahmebeitrag beträgt 250 Euro.
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Warum brauchen Kinder Philosophie?
Für Eva Stollreiter liegt die Antwort in den großen Fragen, die Kinder ganz selbstverständlich stellen. Im Interview spricht sie mit Rey Krentz über ihre persönliche Motivation, warum Philosophieren schon in der Grundschule beginnt, was Lehrkräfte in der neuen Fortbildung erwartet und weshalb selbstständiges Denken eine Schlüsselkompetenz für unsere demokratische Gesellschaft ist.
1. Hand aufs Herz: Was war die letzte Frage eines Kindes, die dich selbst ins Grübeln gebracht hat?
Es war die Frage: „Was hat Gott eigentlich gemacht, als es noch gar nichts anderes gab außer Gott?“ Ein Kind stellte sie am Dienstag beim letzten Workshop der Denkspielplätze in diesem Jahr im Literarischen Colloquium Berlin. Ich finde die Frage interessant, da sie auf die Grenzen unseres eigenen Denkens verweist. Naturwissenschaftlich betrachtet gab es schließlich kein „vor dem Urknall“, da es „vor dem Urknall“ auch keine Zeit gab. Die Idee von Gott ist eine Antwort auf das Problem, das sich daraus für unser auf Kausalität ausgerichtetes Denken ergibt. Die Frage danach, was Gott in diesem Zustand ohne Raumzeit gemacht haben könnte, bringt dieses Problem zum Ausdruck.
2. Viele Erwachsene denken bei Philosophie erst einmal an dicke Bücher. Was passiert stattdessen, wenn Kinder philosophieren?
Auch beim Philosophieren mit Kindern kann und sollte viel mit Büchern passieren! Die interpretierende Auseinandersetzung mit Texten oder mit Zitaten von Philosoph:innen sowie der Umgang mit Sprache sind in der Grundschule eine wichtige Säule des Philosophierens. Worauf du hinauswillst, ist vielleicht die Idee vom Philosophen – ich gendere an dieser Stelle mal nicht – im Elfenbeinturm, der sich mit den Gedanken anderer Philosoph:innen beschäftigt, daraufhin weitere Texte schreibt usw. – also eine gewisse Selbstbezogenheit und Lebensferne der Philosophie.
Beim Philosophieren mit Kindern ist der Lebensweltbezug elementar, d. h. das Anknüpfen an die Erfahrungen der Kinder und das Aufgreifen der Fragen, die ihre lebensweltlichen Erfahrungen bei ihnen aufwerfen. Im Zentrum stehen das Gespräch und das gemeinsame Nachdenken. Das Philosophieren übt den – auch abstrahierenden – Umgang mit diesen Fragen ein. Was bedeutet es grundsätzlich für mein Verständnis von Gerechtigkeit, wenn die Schokolade so oder so zwischen uns aufgeteilt werden soll? Was ist mir wichtig? Wie sollten Menschen miteinander umgehen? Ausgehend von einem konkreten Problem (im besten Sinne) können und sollten Kinder schon in der mittleren Kindheit Reflexion und Argumentation im Umgang mit Lebensthemen einüben. Damit erst in der weiterführenden Schule zu beginnen, ist schlicht zu spät.
3. Mit der neuen Fortbildung möchtet ihr Lehrkräfte dafür begeistern. Was wünschst du dir, dass sie nach den sechs Modulen anders machen als vorher?
Ich persönlich wünsche mir, dass sich ihr Blick auf Gespräche mit Kindern vielleicht verändert hat, dass sie also auf die philosophische Kompetenz bzw. das Denken von Kindern vertrauen und über das methodische Rüstzeug verfügen, um das Philosophieren in ihren schulischen Alltag zu integrieren. Auch damit das Philosophieren alle Kinder erreicht – nicht nur diejenigen, die von ihren Eltern oder Lehrkräften diesbezüglich gefördert werden, etwa indem sie über die Begabtenförderung adressiert werden.
4. Die Fortbildung findet an der Humanistischen Hochschule Berlin statt. Warum passt dieser Ort so gut zu eurem Anliegen?
Ethik, Praktische Philosophie o. Ä. sind in Berlin in der Grundschule noch nicht als Fach etabliert. Die Humanistische Hochschule Berlin bildet Lehrkräfte für das Fach Lebenskunde aus, das zwar wertevermittelnd ausgerichtet ist, aber auch die Werteentwicklung durch die Einbindung des Philosophierens in den Blick nimmt. Die Hochschule betrachten wir daher als wichtigen Partner bei der Etablierung der philosophischen Bildung an den Berliner Grundschulen.
5. Wenn wir uns in einem Jahr wieder treffen: Woran würdest du merken, dass die Fortbildung ein voller Erfolg war?
In diesem Jahr sehe ich den Erfolg unserer Fortbildung 2025–26 daran, dass die Künstler:innen, die sie durchlaufen haben, eigene philosophisch-künstlerische Workshops an unseren Partnereinrichtungen umsetzen. Die Workshops haben didaktisch Hand und Fuß, sind voller neuer Ideen und begeistern die teilnehmenden Kinder.
In einem Jahr haben die Lehrkräfte die kommende Fortbildung mit eigenen kleinen Projekten abgeschlossen und das Philosophieren damit bereits in ihren Unterricht getragen. Ich bin gespannt, welche Projekte dies sein werden. Vielleicht gibt es auch Engagement dahingehend, neue Räume für philosophische Reflexion an den Schulen zu schaffen. Darauf baue ich!
6. Du könntest jeder Grundschulklasse in Deutschland genau einen Satz mit auf den Weg geben. Welcher wäre das?
Ich würde jeder Klasse sagen: Denkt selbst! Ganz kantisch. Kurz und bündig. Etwas salopper formuliert könnte man auch sagen: Lasst euch kein X für ein U vormachen. Schaut immer genau hin, wie argumentiert wird, und bewahrt euren kritischen Blick auf die Welt. Manche Erzählungen oder Begründungen klingen ganz plausibel, sind aber nur „Wortgeklingel“ oder wollen uns emotional erreichen. Es ist wichtig, dem eigenen Denken zu vertrauen und Dinge zu hinterfragen. Das allein hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass es so etwas wie Widerstand in Zeiten politischer Indoktrination gab. Das Selbstdenken ist der Kern unserer demokratischen, an Menschenwürde und Freiheit ausgerichteten Gesellschaft und kann durch nichts ersetzt werden.